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Regale mit Dokumenten der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheits-dienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
Foto: BStU

 

BStU
Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheits-dienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
 
Das Stasi-Unterlagen-Archiv ist derzeit auf 13 Standorte verteilt. In der Summe finden sich dort über 111 Kilometer Stasi-Akten. Davon sind ca. 43 Kilometer Material aus dem Standort des Ministeriums in Berlin und ca. 68 Kilometer Material aus den Bezirksverwaltungen (BV) der Staatssicherheit überliefert. Etwa 51 Kilometer Schriftgut stammen aus der Archiva-bteilung XII des MfS, wurde also schon von der Stasi archiviert. Davon: ca. 20 Kilometer aus der Zentrale des Ministeriums in Berlin und ca. 31 Kilometer aus den Bezirksverwaltungen des MfS. Diese Unterlagen sind personenbezogen zugänglich; eine darüber hinausgehende thematische Erschließung ist für fünf Prozent dieser Unterlagen erfolgt (knapp 2.700 laufende Meter). Mehr als 60 Kilometer Schriftgut waren bis Anfang 1990 noch durch die MfS-Diensteinhei-ten in Bearbeitung und wurde in den Büros der Stasi gefunden. Davon: über 23 Kilo-meter aus der Zentrale des Ministeriums in Berlin und 37 Kilometer aus den Bezirksverwaltungen des MfS. Diese Unterlagen sind derzeit zu 91 Prozent erschlossen; insgesamt sind damit noch etwa 5,3 Kilometer an Unterlagen archiva-risch zu bearbeiten. Besonderer Teil dieser Unterlagen sind ca. 12 Kilometer MfS-Karteikarten (rund 41 Millionen Stück). Sie stammen aus ca. 4.700 aufgefundenen Einzelkarteien aller Stasi-Diensteinheiten, davon sind: 18 Millionen Karten in Berlin und etwa 23 Millionen Karten in den Außenstellen des BStU. Die Stasi hat ihre Unterlagen auch auf Sicherungs- und Arbeitsfilme kopiert. Umgerechnet auf Papier sind dies insgesamt zusätzlich rund 47 Kilometer verfilmtes Schriftgut. Dies sind Kopien vorhandener, teilweise von der Stasi vernichteter Unterlagen. Derzeit gibt es rund 15.500 Behältnisse (zumeist Säcke) mit von der Stasi per Hand zerrissenem Schriftgut. Aus ca. 500 der Papiersäcke wurden mittlerweile über 1,58 Millionen Blätter bzw. Karteikarten manuell und virtuell rekonstruiert.


 

Als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit dem Decknamen „Rembrandt“ arbeitete Carl Gerhardt Rudolf seit Mitte der 1960er Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Offiziell war der studierte Historiker Rudolf als Hochschullehrer an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam angestellt. Die Hochschule des MfS war jedoch keine Ausbil-dungsstelle für juristische Berufe und auch kein rechtswissenschaftliches Forschungsinstitut, sondern eine akademisierte Geheimdiensteinrichtung des Ministeriums für Staatssicherheit mit starker ideologischer Ausrichtung und hatte vermutlich ebenfalls eine Verschleierungstaktik. Nach bisherigen Forschungsstand gehörte Carl Gerhardt Rudolf einer Gruppe von Künstlern an, die unter Zwang für den Bereich MoK Kunstwerke zum Zweck der Devisenbeschaffung fälschten. Wobei nicht anzunehmen ist, dass sich die Personen dieses Bereichs untereinander kannten, oder an einem zentralen Ort diese Tätigkeiten gemeinsam durchführten. Je nach Talent und Eignung wurden verschiedene Bereiche des Kunstmarktes bedient und die Werke über Galerien im europäischen Ausland und der Schweiz verkauft. Eine Vorgehensweise, die für den Bereich KoKo auch in anderen Vertriebsbereichen erprobt gewesen ist. Wo die Produktionsorte gewesen sind, ist bislang unbekannt, ebenso es liegen keine genauen Listen darüber vor, was produziert worden ist. Aufgrund der schlechten Aktenlage wird dies voraussichtlich auch heute nicht ausreichend rekonstruiert werden können. Spätestens in dem Zeitraum 1989 bis 1990 wurden die meisten aussagekräftigen Akten hierzu vernichtet, möglicherweise befinden sich noch einige Akten im Bundesarchiv für Stasi-Unterlagen. Um die Aktenlage deutlich zu machen, muss man sich vergegenwärtigen, dass von den Akten ca. 91 Prozent erschlossen sind; insgesamt sind damit noch etwa 5,3 Kilometer an Unterlagen archivarisch zu bearbeiten. Daneben müssen noch 15.500 Behältnisse (zumeist Säcke) mit von der Stasi per Hand zerrissenem Schriftgut ausgewertet werden. Aus ca. 500 der Papiersäcke wurden mittlerweile über 1,58 Millionen Blätter bzw. Karteikarten von den Projekt-gruppen „Virtuelle Rekonstruktion“ in Berlin und „Manuelle Rekonstruktion“ in Zirndorf bei Nürnberg rekonstruiert.



 

Carl Gerhardt Rudolf – ein Phantom?

In den Jahren von 1967 bis 1989 haben verschiedene Künstler im Auftrag der KoKo unter Zwang Werke der Moderne für den internationalen Markt produziert. Der Fall Rudolph ist einer dieser bislang verborgenen Schicksale. Seit dem Frühjahr 2015 befinden sich die An- und Verkaufslisten der Kunst & Antiquitäten GmbH (K&A) im Bundesarchiv Berlin und werden systematisch ausgewertet. Die K&A, 1973 gegründet, wurde speziell für den Verkauf von Kunstwerken und Kulturgütern gegen Devisen eingerichtet und gehörte zum Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) beim Ministerium für Außenhandel. Bislang waren nur die allgemeinen Geschäftsakten zugänglich gewesen. Ideengeber und Organisator dieser Bereiche war Alexander Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im DDR-Ministerium für Außenhandel und als Offizier im besonderen Einsatz (OibE) zugleich Oberst des Ministeriums für Staatssicherheit. In den frühen 1970er Jahren war eines der etablierten Verfahren die systematische Beschaffung von Kunstwerken aus DDR-Privathand zum Verkauf gegen Devisen, die Enteignung von Sammlern und/oder Händlern u.a. durch konstruierte Steuerstrafverfahren.
Der K&A ging es indes nicht nur um Werke aus Privateigentum, sondern ausdrücklich auch um Antiquitäten und Museumsbestände aus dem „staatlichen Fundus“. Dies lief auf einen systematischen Ausverkauf des qualitätvollen Kunstbesitzes der DDR hinaus. In den Verwaltungsregistraturen der DDR-Museen sind für die 1970er und 1980er Jahre regelmäßige, mehr und mehr insistierende Anfragen aus dem Kulturministerium an die Museen überliefert, welche forderten Werke zum Export freizugeben, um die zuvor bereits zentral eingeplanten Millionenbeträge zu „erwirtschaften“. Die Sammlungen versuchte man in der Regel zu schonen, da exzeptionelle, zumal publizierte Werke am Markt wiedererkennbar gewesen wären. Die durchaus naive Absicht der Partei- und Staatsführung, die Herkunft der Werke und die Mechanismen ihrer Beschaffung möglichst diskret zu behandeln war von Anfang an aussichtslos. Das Scheitern war einer der Gründe für die Suche nach weiteren Möglichkeiten der Devisenbeschaffung. Auswertungen der An- und Verkaufslisten der K&A führten zu dem bislang unbekannten direkten Unterbereich der KoKo: Moderne Kunst (MoK). Aufgrund der massenhaften Aktenvernichtung im Ministerium für Staatssicherheit, zwischen November 1989 und September 1990, liegt für den Bereich MoK bislang keine sichere Datengrundlage vor.


 

Links: Polizeiliches Erfassungsfoto von Carl Gerhardt Rudolf, Berlin 1967
Rechts: Einlieferungsanzeige mit dem Vorwurf der Spionagetätigkeit, Berlin 1967
© Foto: BSTU, Henry Pierre Bertin, 2016

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / v.l.n.r.: Fotoausschnitt Carl Gerhardt Rudolf bei der Arbeit im Atelier der MoKu, Foto: BStU / Fälschung: Vincent van Gogh, Portrait Dr. Gachet, 1890 / Fälschung: Kurt Schwitters, weißes Relief, 1924-1927 / Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel / Fälschung: Piet Mondrian, Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / v.l.n.r.: Fälschung: Piet Mondrian, Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921 / Fälschung: Kurt Schwitters, Merz 1926, Cicero 1926 / Fälschung: Marcel Duchamp, Étude pour la Broyeuse de Chocolat no.2, 1914 / Fälschung: Kurt Schwitters, Mz 448. Moscow 1922 / Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel / Archivblatt Carl Gerhardt Rudolfs,ca.1979
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

Der Fall Rudolf

Wie die Moderne im Auftrag der KoKo
gefälscht wurde 

 

Villa Rosenthal, Jena
25. Juni bis 20. August 2016


 

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / V.l.n.r.: Fälschung: Kurt Schwitters, Vertikal, 1923 / Archivblatt Carl Gerhardt Rudolfs,ca.1979 / Fälschung: Kurt Schwitters, Mz 448. Moscow 1922 / Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel / Archivblatt Carl Gerhardt Rudolfs,ca.1979
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / Buchtisch mit Literatur zur Ausstellung
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / v.l.n.r.: Archivblatt Carl Gerhardt Rudolfs,ca.1979 / Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel /  Fotoausschnitt Carl Gerhardt Rudolf bei der Arbeit im Atelier der MoKu, Foto: BStU /  Fälschung: Piet Mondrian, Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921 / Fälschung: Kurt Schwitters, Merz 1926, Cicero 1926
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena / v.l.n.r.: Fälschung: Piet Mondrian, Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921 / Fälschung: Kurt Schwitters, Merz 1926, Cicero 1926 / Fälschung: Marcel Duchamp, Étude pour la Broyeuse de Chocolat no.2, 1914 / Fälschung: Kurt Schwitters, Mz 448. Moscow 1922 / Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

- Der Gegenstand, das Objekt, wird nicht aus seiner Hülle geschält (Benjamin) was die Zertrümmer-ung der Aura nach sich zieht, sondern das Objekt wird in der Reproduktion durch die Hülle des Objekts ersetzt.

- Benjamins Verweis auf die Fundierung des echten Kunstwerks im Ritual, dem einzigen und ersten Gebrauchswert – kann für die Kunst des 20. Jahrhunderts nur bedingt geltend gemacht werden.

- Was also stellt heute nach Benjamin den originären, ersten Gebrauchswert eines Paul Klee oder Jean Arp dar?

- Spätestens seit der Aufklärung – und damit der Abkehr vom religiösem Ritual und Hinwendung zur Wissenschaft, hat sich der religiöse Aspekt – entstanden aus dem religiösem Vakuum verbleibender Verehrungsbedürfnisse in der Folge der Aufklärung – direkt auf das Kunstwerk gerichtet. In Form des Anbetungsersatzes für den Wegfall des religiös gesellschaftlichen Gestaltungsrahmens – des Glau-bens.

- André Malraux spricht bereits 1947 von „entmaterialisierten Reproduktionen“ (S.23) „Die Reproduk-tion unterdrückt die Dimension des Werkes.“ (S.29) „Die Reproduktion hat uns die Bildwerke der ganzen Welt gebracht. - … sind zu Abbildungen geworden. Was haben sie damit verloren? Ihre Eigenschaft als Gegenstände. Und was gewonnen? Die stärkste Bedeutung, die sie im Sinne eines künstlerischen Stils überhaupt gewinnen können. - Auf die Historie bezogen hat die Fotografie als Reproduktion die Stille zum Leben erweckt und zwingt sie, sich ihrem Sinngehalt zu offenbaren." (S.30) „… Die Kopien von Skulpturen und Plastiken wirken intensiver, aber ihnen fehlt der Virus, der alles zugunsten eines bloßen Stiles zersetzt; dieser Virus entsteht aus der maßstäblichen Verkleinerung, dem Fehlen des Volumens, oft der farbigen Einheit, immer aber aus der Nähe und unmittelbaren Folge der Abbildungstafeln, die einen Stil so lebendig erscheinen lassen wie der Zeitraffer im Film eine Pflanze.“

- Der Film löste das Buch ab – in der Funktion des Erzählens von Geschichten. In der gleichen Weise löste das geschriebene Wort das direkte Erzählen/Berichten ab. Die Übertragung des Erzählten – dem ersten historischen Dokumentierens in sprachlicher Form – in die schriftliche Form des Berichtes und später des Buches, stellte am Beginn das Dokumentarische in den Vordergrund in Form der Berichterstattung (Heldenepos) oder der Vermittlung religiöser Inhalte (Entstehungsmythen als Welt-erklärungsmodell). Dabei spielt die auratische Erzählung eine wichtige Rolle. Die Aura des Bedeut-samen als Authentizitätsindiz des Erzählten, versetzt den Gläubigen in Andacht, in den Zustand der Kontemplation – der Verinnerlichung des Ich-Bezugs.

 


 

das Konsumieren des Moments, dem „als- gegeben-nehmen“ als Erfüllung einer Aufgabe – in diesem Fall das Anschauen eines Kunstwerkes, ersetzt. Diese Form des Verfalls von Fähigkeiten ist die Folge einer gesellschaftlichen Bedingtheit, die des zunehmenden Kapitalismus und damit der zunehmenden Funktionalisierung des Individuums, also der Entindividualisierung zugunsten einer Massentauglichkeit und damit Kapitalisierung. Doch diese gesellschaftliche Bedingtheit der Massenkompatibilität führt nicht zur „Zertrümmerung der Aura“ des Originals, sondern gegenteilig zur fortlaufenden Steigerung des Originals als Ursprung und Quelle des Reproduzierten, das in seiner Erlebnisqualität – und damit sein er Aura – nicht ersetzbar ist durch seine Reproduktion. Die vermeintliche Vertrautheit des Objekts durch die massenhafte Erscheinung der Reproduktion, kann vor dem Original nur scheitern. Größe, Dimension, Couleur und Materialität können vom Rezipienten in der Reproduktion nicht erfasst werden. Die „Gleichmacherei“ (Malraux) des Objekts in der Reproduktion, ob antike Statue, Miniatur oder flämischer Meister wird in der Reproduktion auf ein Maß gebracht, was die Unterscheidung der Primären Eigenschaften des Objekts nahezu unmöglich macht.

- Die Reproduktion hat eine Stellvertreterposition für das Objekt. Sie verweist auf das Objekt in der Ferne und bedient sich dessen Aura als Transporter.

- Auch im Falle der Literatur ersetzte nach der Aufklärung das Gedicht und später die Erzählung und der Roman das Kontemplationsbedürfnis als Verinnerlichung des Ich-Bezugs.

- Die Literaturverfilmung unternimmt den Versuch die Aura des Bedeutsamen der Erzählung in das Medium des Films zu übertragen.

 


 

Im Hintergrund an der Wand: Archivblatt aus dem Konvolut von Archivblättern von Carls Gerhardt Rudolf, mit Anmerkungen zu Walter Benjamins Kunstwerk Aufsatz
Im Vordergrund: Fälschung: Kurt Schwitters(?), Ohne Titel
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

Archivblatt aus dem Konvolut von Archivblättern von Carls Gerhardt Rudolf, mit Anmerkungen zu Walter Benjamins Kunstwerk Aufsatz / Der Fall Rudolf, Villa Rosenthal, Jena 
© Foto: Henry Pierre Bertin, 2016

 

Links: Carl Gerhardt Rudolf in dem Atelier der MoKu, 1972?
Rechts: Fälschung des Selbstportrait von Paablo Picasso aus dem Jahr 1907 im unfertigen Zustand.
© Foto: BStU, Seth Widman, 2019

 

Anmerkungen und Notizen der beiden ausgestellten
Archivblätter Carl Gerhardt Rudolfs


Ein Konvolut an Texten zum Thema des Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Repro-duzierbarkeit (Walter Benjamin) im Nachlass von Carl Gerhardt Rudolf wird zurzeit gesichtet und aufgearbeitet. Die zwei ausgestellten Archivseiten sind Teil einer ca. 180 Seiten umfassenden Mappe zu Walter Benjamins Aufsatz. Die angehefteten Notizen sind aus dem Zeitraum von 1960 bis 1989. Neben diesen Schriften finden sich auch weiter-führende Texte zum Thema der Neubewertung der Aura im digitalen Zeitalter, die ebenfalls noch auf eine Aufarbeitung warten.

- Die Dematerialisierung des Objekts wurde durch die digitale Revolution, also dem Ein-zug in das digitale Zeitalter vollzogen. - Die Reproduktion im fotografisch historischen Sinn, überträgt das belichtete Objekt, durch eine auf ein Trägermaterial ausbelichtete Darstellung des Objekts – die Daguerreotypie, das Negativ oder das Dia, wovon Papie-rabzüge in unbegrenzter Auflage hergestellt werden können. Die Fotografie stellt also keine Dematerialisierung des Objekts dar, sondern eine Materialitätstransformation. Das dreidimensionale Objekt wird in eine zweidimensionale Repräsentation transformiert. Eine Ausnahme stellt die Sofortbildkamera dar, die eine direkte Manifestation des Objekts darstellt, die nicht als direkte Reproduktionsvorlage dient.

- Die Digitalisierung des Objekts, durch die Digitalfotografie, oder den 3D-Scan, übersetzt das belichtete Objekt aus seiner Materialität in die binäre Sprache. Das Entsprechende Gegenstück, wie das Negativ oder Dia, stellt in diesem Fall der nicht greifbare Binäre Code dar, der als Dateiformat das Objekt repräsentiert. Ein Papierabzug von diesem Objekt-Repräsentanten ist in Form und Aussehen dem Papierabzug eines Negativs  ent-sprechend. Eine Kopie des Objekt-Repräsentanten ist jedoch keine Kopie mit Qualitäts-verlust, sondern ein identisches Original, das nur im Erstellungsdatum unterscheidbar ist, das jedoch nicht frei von Manipulierung ist – da es nur die Datumseinstellungen des ver-wendeten Computers wiedergibt.

- Nach Walter Benjamin ist es nicht die gesellschaftliche Bedingtheit, die dem Verfall der Aura zugrunde liegt. Es ist nicht die Aura die verfällt, sondern die gesellschaftliche Rezeptions-fähigkeit des Einzelnen. Die Fähigkeit zur Kontemplation vor dem Kunstwerk, dem Vertiefen des Augenblicks, dem Ausloten des Gegebenen, wird durch

 

Nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 verlegte Carl Gerhardt Rudolf seinen Wohnort nach Italien und verbrachte höchstwahrscheinlich den Rest seines Lebens in Venedig. Die Frage wie sich Rudolf das Leben in Venedig leisten konnte, führt natürlich zu Spekulationen, Ressourcen für finanzielle Rücklagen wird er zu DDR-Zeiten nicht angelegt haben können. Naheliegend wäre also, dass auch nach 1990 noch Werke aus der „Produktion“ von Rudolf auf den Kunstmarkt gekommen sind, um seinen Lebensstandard zu sichern. In seinem Nachlass fanden sich 2012 unzählige Schriften und eine kleine Anzahl an verschiedene Kunstwerken, von denen einige in der Ausstellung gezeigt werden. Diese Werke sind vermutlich Studien und Versuchsobjekte, die nicht für den Verkauf geeignet oder bestimmt waren. Rudolfs Neffe Christian Rudolf versuchte 2012 eines der Werke von Piet Mondrian in einem Münchner Auktionshaus zu veräußern, wodurch der Fall Rudolf in den Blick der Öffentlichkeit geriet.

Die ausgestellten Werke, die im Nachlass von Carl Gerhardt Rudolf aufgefunden wurden, verweisen in ihrer Provenienz und Verkaufsdokumentation auf den Bestand großer internationaler Musealer  Sammlungen. Eine Ausnahme stellt Vincent van Goghs Radierung: Portrait von Dr. Gachet von dar, von der sich weltweit 114 Abzüge in Sammlungen befinden. Eine andere  Ausnahme finden wir in der Skulptur „ohne Titel“ (Kurt Schwitters?), die in Schwitters Werkverzeichnis nicht aufgeführt wird, aber stilistisch auf dessen Urheberschaft verweisen könnte. Möglicherweise ist es eine „Nachempfundene“ Schwitters Skulptur? Nach der uns bekannten Arbeitsmethode von Rudolf könnte es sich bei dieser Skulptur um eine Werkinterpretation Schwitters handeln.

Die Antwort hierauf bewegt sich auf spekulativen Terrain. Wenn ein Werk stilistisch einem bestimmten Künstler zuzuordnen ist, aber nicht in dessen Werkverzeichnis aufgeführt wird, könnte es sich um ein bislang nicht bekanntes Werk des Künstlers handeln – oder aber um eine Fälschung, die genau diesen Aspekt suggerieren soll. Dieses lässt sich auf alle, bis zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung unbekannt gewesenen Werke beziehen und stellt eines der großen Probleme bei der Bestimmung und Zuschreibung von Kunstwerken dar. Im Besonderen besteht diese Problematik bei Werken der Moderne, wo die Bestimmung von Alter der Materialität – bei zeitnaher Produktion einer Fälschung – kein Ausschlusskriterium darstellt.

Die weiteren Forschungsergebnisse werden vielleicht Klarheit in dieses neue Thema der nahen deutschen Vergangenheit bringen. Die theoretischen Schriften Rudolfs, denen er sich in der Zeit in Venedig weiterhin gewidmet hat, sind ohne Zweifel authentisch und werden zurzeit aufgearbeitet, um sie in einer kommentierten Auflage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.



 

 

FAZ Feuilleton 2012, Ein verlockender Mondrian und die Folgen des Beltracci Skandals
© Foto: Seth Widman, 2016

 

FAZ Feuilleton 2012, Ein verlockender Mondrian und die Folgen des Beltracci Skandals
© Foto: Seth Widman, 2016

 

Fotos von Links nach Rechts: Aufnahmen aus dem Atelier von Rudolf mit begonnenden und fertigen Werken. Unter anderem verpacktes Spielzeugpferd von Christo, 1969.
Bericht über ein Kontaktgespräch mit dem IMK/DA Kandidaten Rambrandt - "Dekonspiratives Verhalten" von Carl Gerhardt Rudolf
© Fotos: BStU, Seth Widman, 2016

 

Der Bereich MoK unterstand direkt Alexander Schalck-Golodkowski und war streng abgeschirmt. So finden sich in den Akten der KoKo nur bedingt Hinweise auf diesen Bereich oder deren Mitarbeiter. Neben dem Decknamen „Rembrandt“ fanden sich in diesem Zusammenhang noch die Decknamen „van Eyk“, „Pikasso“ (sic) und „Rubens“. Rudolf arbeitete bis 1966 als Hochschullehrer am Institut für Geschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin im Bereich Philosophie, Geschichte, Staats-, Rechts- und Wirtschaftswissen-schaften und wurde im Herbst 1966 aus bislang unbekannten Gründen an die Hochschule des MfS in Potsdam versetzt. 1967 wurde er unter dem Verdacht der Spionagetätigkeit verhaftet. Über die Umstände der Verhaftung kann nur spekuliert werden.
Wahrscheinlich ist, das die beiden Kontaktaufnahmen des MfS, wegen „Dekonspiration“ des Kandidaten als gescheitert bewerteten wurden und deshalb ein neues Druckmittel aufgebaut werden musste. Diese bekannten und gut dokumentierten Methoden des MfS werden auch bei Rudolf ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Über einen längeren Gefängnisaufenthalt ist bislang nichts bekannt. Die Frage, warum ein Historiker, der in keiner Weise als Künstler in der Öffentlichkeit sichtbar gewesen ist und seine Doktorarbeit unter dem Thema: Die gesellschaftliche Rolle der Kunst nach der Aufklärung für den Bereich MoK wichtig gewesen sein soll. Die Antwort liegt vermutlich in den praktischen Übungen mit welchen Rudolf seine theoretischen Schriften begleitet hat. In diesen Übungen lotete er den Begriff der Aura im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, nach Walter Benjamin, aus. Dabei war die Fragestellung nach der Reproduzierbarkeit der Aura und dem verorten der Aura zentral. Rudolf schrieb dazu 1965: „Wenn die Aura nicht dem Kunstwerk immanent, sondern vom Betrachter in das Werk projiziert wird, dann ist das Kunstwerk Projektionsfläche für das Bedürfnis nach Bedeutsamkeit und Kontemplation. An dieser Schnittstelle zwischen Betrachter und Kunstwerk füllt sich das Vakuum, das nach der Aufklärung als Rest des religiösen Bedürfnis der Gesellschaft erhalten geblieben ist.“ Die in diesem Zusammenhang von Rudolf angefertigten Reproduktionen von existierenden Kunstwerken der Moderne dienten als Prüfstein seiner Theorien. In einem weiteren Schritt entwickelte der Autodidakt Rudolf Werke, die als logische Erweiterung des OEuvre eines bestimmten Künstlers bestimmt waren. Anhand dieser Erweiterungen wollte Rudolf die mögliche Konstruktion eines „erwarteten Abbildes“ eines Kunstwerkes produzieren – als Beweis einer projizierten Aura. Diese Tätigkeit blieb dem Überwachungsstaat der DDR nicht verborgen und wird nach dem bisherigen Erkenntnisstand zu der Anwerbung durch das MfS, sowie der erzwungenen Mitarbeit im Bereich MoK, geführt haben.


 

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