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Artist Kunstmagazin Ausgabe Nr. 67, 2006: Artist Pages

 Jean Guillaume Ferrée

von Henry Pierre Bertin

 

Das erste Mal begegnete ich Jean Guillaume Ferrée 1962 bei einer Ausstellungseröffnung von Gérard Deschamps in der Galerie Ursula Giradon in Paris. Danach wir trafen uns auch auf zahlreichen anderen Ausstellungen in Paris und Straßburg wieder. Als ich ihn 1963 in Lorquin besuchte, erkannte er mich nicht und schickte mich fort. Ein paar Monate später begegneten wir uns erneut und Ferrée begrüßte mich als wäre nichts geschehen – von meinem Besuch wusste er nichts. Ähnliche Situationen wurden mir daraufhin von anderen Künstlern, die mit ihm in Kontakt standen, geschildert. Ich tat es als exzentrische Manier ab und erfuhr erst viele Jahre später, dass es sich bei diesem Verhalten um die Auswirkungen seiner Erkrankung handelte. Dr. Philippe Gerrault, der behandelnde Arzt im Centre Hospitalier Spécialisé - Lorquin, den ich nach Ferrées Tod 1974 kennen lernte, erklärte Ferrées Krankheitsbild in einem Bericht für eine neurologische Fachzeitschrift: „Jean Guillaume Ferrée litt unter der sehr seltenen neurologischen Erkrankung, der retrograden temporären Agnosie. Diese Erkrankung tritt in unkontrollierbaren Schüben auf. Ein retrograder Schub äußert sich dadurch, dass der Patient die Fähigkeit der zeitlichen Orientierung verliert. Wie bei einer „Zeitreise“ wird der Patient in eine zurückliegende Zeit versetzt, die dann für ihn die reale Gegenwart darstellt. Dieser Zeitraum kann in der Regel mehrere Jahre betragen. Als ich Jean Guillaume Ferrée 1967 das erste Mal als Patient behandelte, war er der festen Überzeugung, das wir das Jahr 1958 hätten. Dieser Zustand hielt mehrere Monate an und löste sich genauso überraschend wie er begonnen hatte. Interessanterweise fehlte ihm danach die Erinnerung an den Klinikaufenthalt – selbst ich war ihm unbekannt. In dem von mir behandelten Zeitraum traten diese Zustände in unregelmäßigen zeitlichen Abständen auf und beeinträchtigten sein gesamtes Leben. Zurück blieb das beunruhigende Gefühl, wann dieser Zustand das nächste Mal eintreten würde.“
Louis Bunuel schrieb in seinen Memoiren: „Ein Leben ohne Gedächtnis wäre kein Leben ... Ohne Gedächtnis sind wir nichts“. Man könnte dieses Zitat als Leitgedanken für das Leben von Jean Guillaume Ferrée sehen. Das Bewusstsein für den finalen Erinnerungsverlust begleitete ihn sein Leben lang und führte wahrscheinlich 1974 zu seinem Tode.

 
Ferrée redete von sich nicht als Künstler und er wurde auch Zeit seines Lebens nicht ausgestellt. 1972 verfügte er in seinem Testament dass seine Arbeiten für 30 Jahre unter Verschluss gehalten werden. Erst 2005 wurden seine in Deutschland hinterlassenen Arbeiten für das Musée Ferrée temporairement in Heiligenrode bei Bremen, dem Ort wo die Arbeiten die Jahre über bei deutschen Verwandten gelagert waren, zur Verfügung gestellt. In dem Werk Jean Guillaume Ferrées finden sich Collagen aus Zeitungsausschnitten, die an Hannah Höch (Schnitt mit dem Küchenmesser, 1919), oder Raoul Hausmann (Kopf, 1923) erinnern. Seine Assemblagen, Objekte, Performances und Fotografien bewegen sich im Kreis von Dada, Nouveau Réalisme, l´Art Brut und Fluxus. „Manifestierte Erinnerungen“ nannte er seine Arbeiten, die man nur schwer aus dem Kontext seiner Krankheit lösen kann. Der Kopf spielt dabei in doppelter Hinsicht eine übergeordnete Rolle und wurde in vielen seiner Arbeiten thematisiert. 1970 ließ er sich in Straßbourg als Homme de lamp mit einem Lampenschirm über dem Kopf fotografieren. Die Arbeit Le café chasse-t-il le sommeil? von 1964 zeigt ein sich drehendes weibliches Portrait inmitten eines Strahlenkranzes aus Werbesprüchen. 1967 drehte er den Kurzfilm Retour à l´hôtel, in dem Ferrée Nachts in ein Hotel zurückkehrt und sich in den Kopf schießt. 1974 schließlich findet sich dieses Bild in der Fotoserie: les lancumes lamplir als tatsächliches Ende seines Lebens wieder. Bis heute ist nicht geklärt, ob sein Tod bei dieser Fotoarbeit, ein Freitod aus Angst vor den finalen Erinnerungsverlust, oder ein Unfall gewesen ist.
Das Sammeln und verarbeiten von alltäglichen Gegenständen zu Assemblagen und Collagen, das dokumentieren von Tagesabläufen und Raumgegenständen war für ihn der Versuch die Zeit einzufrieren, die Erinnerungen festzuhalten. Doch in den Zeiten des Verlustes dieser Erinnerungen waren ihm diese Ergebnisse seiner Arbeit genauso fremd wie unverständlich.
In der Rauminstallation Capsule de temp von 1970 wird der Aspekt des `sich im Kopf befinden´ am deutlichsten. Ferrée stellte ein Zimmer aus seinem Elternhaus in Lorquin bis ins Detail nach. Im Raum sitzt eine Puppe mit dem Aussehen Ferrées einem Spiegel gegenüber an der Wand. Von der Außenseite des Zimmers konnte der Betrachter mittels zwei Löcher in der Wand durch den Kopf in den Raum sehen und sah so Ferrée mit den eigenen Augen im Spiegel gegenüber. In das Originalzimmer in Lorquin zog sich Ferrée in den Zeiten der retrograden Agnosie zurück. Philipe Gerault schrieb dazu: „Dieses `Zimmerphänomen´ war mir nicht unbekannt. Patienten mit retrograden Agnosien brauchen zur Stabilisierung ihrer Person Orientierungspunkte, die sich nicht der zeitlichen Veränderung unterziehen: einen Erinnerungspunkt, der einem plötzlichen Zeitverlust standhält und ihm das Gefühl von Sicherheit gibt. In diesem Zimmer besteht das Integrationsproblem von Gegenwart und Vergangenheit nicht, es gibt nur Vergangenheit.“ Kein Gegenstand in diesem Raum durfte deshalb verändert werden. In unzähligen Zeichnungen hat Ferrée die Utensilien und das Mobiliar des Raumes festgehalten, durchnummeriert und betitelt. Diese Tätigkeit griff Ferrée 1974 in Bremen, wenige Monate vor seinem Tod, in der Fotodokumentation Autocontrôle - Tout le bien, tout le mal unter einem veränderten Aspekt auf.
Das Vorbild dieser Arbeit fand Ferrée bei dem befreundetem slowakischen Bildhauer und Aktionskünstler Juraj Bartusz, der sich 1971 bei seinen täglichen Verrichtungen fotografieren, und diese Dokumente amtlich beglaubigen ließ. In der sozialistischen Tschechoslowakei der 1970er Jahre war diese „Eigenüberwachung“ im Überwachungsstaat ein provokativer Affront gegenüber den Machthabern. Ferrée beschränkte sich bei der Dokumentation nicht nur auf die täglichen Verrichtungen, wie Frühstück und Waschen, er bezog auch Kleidung und Gegenstände mit ein. Ein Hemd, Schuhe, der Tisch an dem er saß, alles wurde als Beweis für die Zukunft fotografiert, dokumentiert und amtlich beglaubigt.
 

Robert Filiou prägte den Begriff: l´art d`être perdu sans se perdre, die Kunst sich zu verlieren ohne verloren zu gehen. Jean Guillaume Ferrée verlor sich in der Kunst und im Leben. Sein Versuch, die Zeit anzuhalten glückte ihm nur in der Capsule de temps.


           

 

 

 

 

 

   

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